Trauer und Entsetzen fühlte ich in den Tagen des Gaza-Konfliktes, gerade als gelegentlicher Besucher von Palästina und Israel. Kriegsunbeteiligte Menschen starben in Israel und im Gaza-Teil von Palästina. Wieder wurden Hundertausende traumatisiert durch die Rücksichtslosigkeit der gewaltbereiten Kräfte in beiden Ländern.
Die Hamas nahm israelische Zivilisten als Geiseln für ihre politischen und religiösen Ziele und gefährdet bewusst die eigene Bevölkerung. Gleiches tat das israelische Militär mit umgekehrten Vorzeichen. Aber keine Regierung, keine Organisation, hat das Recht, das Leben der betroffenen Bevölkerungen einzusetzen für eigene politische oder religiöse Zwecke.
Frau Merkel sieht die Schuld am Ausbruch des offenen Konfliktes allein und ohne Einschränkungen nur bei der Hamas. Diese öffentliche Parteinahme ist sowohl falsch und geschichtslos als auch dumm (dumm für jemand, der als Gesprächspartner für beide Seiten gefordert ist). Denn Hamas und die Regierung Israels haben beide die auch mit der Hilfe der deutschen Regierung zustande gekommene „Roadmap“ für den Frieden in der Region nicht voll eingehalten.
Auch ist Hintergrund der neuerlichen Auseinandersetzung für beide Seiten nicht einfach ein „üblicher“ militärischer oder politischer Konflikt. Es geht beiden Seiten seit Generationen um die Frage, wer in der Region überhaupt leben darf. Verursacht haben diesen Basis-Konflikt vor allem die europäischen Staaten und hier besonders Deutschland durch Missachtung, Vertreibung und schließlich industrielle Vernichtung von Juden. Die weltweit oft zwangsweise verstreuten Juden strömten zunehmend nach Palästina, in dem 1920 nur (aber immerhin) 15 Prozent Juden lebten. Dort fanden sie sich nach dem Krieg 1967 selbst in der Rolle von Besetzern, im West-Jordanland und im Gaza-Streifen. Ein andauernder Konflikt, der von Mal zu Mal brutaler wird. Gibt es keine Hoffnung? Doch! Es gab immer wieder erstaunliche Wandlungen und positive Ergebnisse.
Der pro-israelische jüdische Terrorist Menachem Begin wurde später Israels Ministerpräsident. Für die Verständigung mit dem Ägypten Anwar as-Sadats bekamen Begin und Sadat (ebenfalls ein ehemaliger Terrorist und dazu ehemals ein religiös motivierter Feind Israels) 1978 den Friedensnobelpreis.
Ähnlich liest sich die Geschichte des gemeinsamen Nobelpreises von Jassir Arafat, Shimon Peres und Jitzhak Rabin. Arafat hatte zunächst in den westlichen Ländern einen Ruf wie heute die Führer der Hamas. Rabin war als Generalstabschef Hauptplaner des Sechstagekrieges und damit ein Hauptverantwortlicher für andauernde Besetzung palästinensischen Gebietes. Aber 1994 wurde mit Unterstützung von westlichen und arabischen Regierungen das Abkommen von Oslo geschlossen, das einerseits Palästinensern eine gewisse Unabhängigkeit gab und andererseits das Existenzrecht Israels de facto anerkannte.
Daniel Barenboim, weltbekannter jüdischer Dirigent und Generalmusikdirektor der Deutschen Staatsoper Berlin, ist neben dem palästinensisch-stämmigen Edward Said Mitbegründer des „West-Eastern Divan Orchestra“, in dem Juden, Muslime und Christen, gerade auch aus dem Spannungsgebiet, gemeinsam musizieren. Das Orchester gab vielbeachtete Konzerte, unter anderem in Ramallah, also mitten im palästinensischen West-Jordanland.
Diese drei Beispiele stehen für viele ermutigende Zeichen auf beiden Seiten. In Palästina, wo 85 Prozent der Menschen unter 33 Jahre alt sind, besteht im Prinzip die besondere Chance, durch Bildung die Sozialisation und das politische Handeln langfristig positiv zu beeinflussen. Was es aber auch braucht, sind mutige Menschen, gerade in Führungspositionen. Sie müssen bereit sein, „die Sichtweise der anderen zwar nicht zu billigen, wohl aber zu akzeptieren“ (Barenboim). Zu all dem braucht es Organisationen, die möglichst breit vor Ort und international unterstützt werden.
Anscheinend ist internationale Unterstützung oder gar Druck erforderlich, um wieder akzeptable Anfangsbedingungen zu schaffen. An erster Stelle muss selbstverständlich der Waffenstillstand komplett eingehalten, und die Blockade des Gaza-Streifens muss beendet werden, ebenso wie die ägyptisch-palästinensische Grenze wirksam kontrolliert werden muss. Eine Schlüsselfunktion wird aber die Schaffung eines lebensfähigen palästinensischen Staates haben.
Wir Deutsche tragen eine besondere historische Verantwortung dafür, dass das Existenzrecht eines Staates Palästina gewährleistet wird, wie wir auch das Existenzrecht Israels garantieren wollen.









